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exakt vom 10.01.2006
Gülleunfall – Gefahr aus der Biogasanlage
Manuskript des Beitrages
Die Neujahrsnacht bringt der kleinen Erzgebirgs-Stadt Schlettau eine stinkende Überraschung: Aus dem Gärtank einer Biogas-Anlage laufen schätzungsweise 100.000 Liter vergorene Gülle aus. Betriebe werden überflutet, Straßen müssen stundenlang gesperrt werden.

O-Töne: Sindy Kolibius-Böttcher
"Für mich lebt das Zeug, was dort drinne ist, mich ekelt das massiv mittlerweile. Ich kann nichts mehr essen, hab drei Kilo abgenommen. Einfach nur Ekel."

100.000 tausend Liter Gülle ergossen sich in der Silvesternacht über das Gewerbe- und Neubaugebiet von Schlettau. Die braune Masse schoss aus einem defekten Behälter einer Biogasanlage, die alternativen Strom ins Netz einspeist. Auch der Rohbau von Sindy Kolibius-Böttcher wurde überflutet.

"Das kam dann von oben nach unten geschossen über die Firmengelände weg bis zu unserm Haus. Hier über die Strasse. Übers Feld. Und wir waren praktisch das Auffanglager für die Gülle."

Vergangenen Donnerstag: Ortstermin mit Bauleiter Günter Läßig. Auch vier Tage nach der Katastrophe ist der Boden noch voller Fäkalien. Wie stark hat sich die Gülle ins Mauerwerk gefressen? Welche Keime lauern hier? 150.000 Euro hat die junge Familie in den Bau und das Grundstück investiert. Der Experte bestätigt ihre schlimmsten Befürchtungen.
 
O-Ton: Günter Läßig, Bauleiter
"Ich sag mal bautechnisch, man müsste das wirklich abreißen, neu aufbauen. Es kommt jetzt drauf an, was die Gutachter sagen, ich kann Stück für Stück Wände erneuern, Boden aufmachen, die Schweißband rausnehmen aber das wird wahrscheinlich von Kosten her unerheblich her vom Neubau abweichen."

Zur gleichen Zeit untersuchen Gutachter des Herstellers und der Versicherungen den defekten Güllebehälter. In diesem wird aus Gülle Gas gewonnen, das einen Stromgenerator antreibt. Rätselraten bei den Experten - kann sich das Unglück wiederholen? Klar ist bis jetzt nur, dass ein Reinigungsstopfen sich gelöst hatte.

Der Betreiber der Biogasanlage, Walter Viertel, möchte nicht auf dem Millionenschaden sitzen bleiben. Für ihn und 35 Angestellte geht es um die Existenz. Er sieht die Verantwortung beim Hersteller der Güllekessel.
 
O-Ton: Walter Viertel, Erzgebirgischer Wirtschaftshof
"In Frage kommt der jenige, der das gebaut hat. Denn es ist noch relativ neu, reichlich zweieinhalb Jahre alt und dann darf es in der Zeit noch nicht verschlissen sein."

140 größere Biogasanlagen gibt es allein in Mitteldeutschland und die meisten sind nicht älter als die in Schlettau. Es sind vor allem landwirtschaftliche Betriebe, die damit nicht nur ihre Abfall-Probleme lösen, sondern auch am produzierten Strom verdienen.

"Wir machen hier im Prinzip doch eine gute Sache. Wir machen einen so genannten grünen Strom und das ist doch wahrscheinlich die Zukunft. Vielfach ist es ja so, dass erst was passieren muss, damit draus lernt, ist bei jedem Flugzeugabsturz so."

Tatsache ist: Biogasanlagen unterliegen den unterschiedlichsten Gesetzen und Verordnungen von zig Fachbereichen. Doch spezifische Richtlinien und Kontrollvorschriften: Fehlanzeige!
 
Vor zwei Monaten - Rhadereistedt in Niedersachsen. Hier werden, anders als in Schlettau, nicht nur Pflanzenreste, sondern auch Lebensmittel- und Schlachtabfälle verwendet. Am 08. November kommen hier vier Menschen ums Leben. Eine Ladung stark schwefelhaltiger Tierreste sorgt in der Grube mit anderen Abfällen für eine fatale chemische Reaktion. In Sekunden füllte ein tödliches Gas die Halle. Der Betriebsleiter, ein LKW-Fahrer und zwei Arbeiter hatten keine Chance.

Ohne Atemschutz hätte der Rettungseinsatz auch für Feuerwehrmann Jörg Kruse-Schalm ein tödliches Ende genommen:
 
O-Ton: Jörg Kruse-Schalm, Feuerwehrmann
"...die hatten keine Chance."

Betriebsleiter Holger Schneider kannte die Anlage wie kein anderer. Der gebürtige Magdeburger vertraute den Sicherheitsstandards. Ehefrau Regina bekommt die Schreckensnachricht am Unfallort, darf aber nicht zu ihrem Mann.

Der Tod von Holger Schneider und seinen Kollegen wird von mehreren Instituten untersucht. Erste Gutachten bringen ein erstaunliches Ergebnis - die Abfälle, die zusammen die tödliche Reaktion hervorriefen, waren freigegeben. Betreiber Heinrich Köhnken ist sich keiner Schuld bewusst.

"Die Stoffe, die angemeldet waren genehmigt... alles so gebaut. Das hätte in jeder Anlage passieren können."

Unglaublich: ein katastrophaler Unfall, bei dem niemand etwas falsch gemacht haben will. Regina Schneider und ihre drei Kinder sind angesichts solcher Erklärungen einfach nur fassungslos. Immerhin: In Niedersachsen wurden nach der Katastrophe sofort Konsequenzen gezogen. Nicht nur die Abfälle kommen auf den Prüfstand - auch die Anlagen selbst werden unter die Lupe genommen - es gelten bereits schärfere Richtlinien.
 
Soweit ist man in Sachsen lange noch nicht - Zurück nach Schlettau. Noch am Freitag vergangener Woche spricht das Umweltministerium von einem Einzelfall. Akuten Handlungsbedarf gebe es nicht Gestern Nachmittag - auf Anfrage von Exakt - dann die Überraschung. Ein Gutachter des Anlagenbauers räumt ein: eine defekte Dichtung sei die Ursache des Gülleunfalls - und weiter heißt es:

Zitat: "Folgen für andere Biogasanlagen: Sämtliche in Biogasanlagen eingebaute Ringraumdichtungen sind einer Nachkontrolle zu unterziehen."

Für Familie Kolibius-Böttcher kommt diese Erkenntnis zu spät. Sie kann jetzt nur noch auf eine schnelle Einigung mit der Versicherung hoffen.
 
O-Ton: Sindy Kolibius-Böttcher
"Wenn das Ganze vor Gericht endet ...das wäre das schlimmste überhaupt."
 
zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2006 | 23:48
 
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